Initiative Siglinde
Ein Strickprojekt in Bosnien-Herzegowina, um die Lebensqualität von Frauen, die dort durch den Krieg viel verloren haben, wieder zu entfalten

Konvoi-Berichte 2015

KONVOI - BERICHT NOVEMBER 2015

Schon während der herzlichen Begrüßung wurde klar das es einen Nachholbedarf im Plaudern und sich Mitteilen bei den Frauen gibt. Das hat etwas meine Planung für den Tag durcheinander gebracht, aber dies hatte Priorität aus meinem Verständnis heraus.

Von den 10 Frauen die da waren, waren 2 neu. Beide haben bereits Strickkenntnisse. Was mich immer wieder verblüfft, dass es nicht lange dauert dann sind die Neuen in die bereits bestehende Gruppe aufgenommen.

Es wurde die Bitte an uns rangetragen ob wir den Frauen nicht ein Tagesgeld von 10 KM geben können, für den Bus und die Verpflegung. Dem haben wir zugestimmt.Nach der Aufforderung zu erzählen wie es ihnen mit dem Stricken ergangen ist, was gut gelungen ist, wo es Schwierigkeiten gab, hat jede Frau berichtet. Eine Frau hat erzählt sie hatte den Sommer über mit Bluthochdruck zu kämpfen, deshalb hat sie weniger machen können. Auch war es für sie nicht leicht, weil die Wolle sehr dünn war. Andere Frauen sagten, dass sie auch nicht soviel machen konnten weil sie mit Feldarbeit beschäftigt waren. Und eine Frau hatte viele Arzttermine, deshalb hat sie wenig dabei.  Für eine Frau hat sich herausgestellt, dass die Nadelstärke zu dick war. Einige Frauen haben berichtet, dass das Stricken ihnen hilft zur Ruhe zu kommen. Und dann müssen sie keine Medikamente nehmen.

Es war zu spüren, das sie alle die Befürchtung hatten sie würden dafür gerügt. Ich habe ihnen eklärt, dass es nicht um Quantität geht bei unserem Tun, sondern darum das sie in ihrerm Ermessen stricken und das es um Exaktheit geht im Tun.


Bemerkenswert war für mich zu sehen das es unter ihnen weder Neid noch "es besser können müssen" gibt. Vielmehr interessieren sich sich für die anderen und wünschen sich das es allen gut geht.

Interessant war für mich zu erleben wie eine der Frauen mir ihre Pulswärmer zeigte und ich sie korrigieren musste, weil sie ungleichmäßig zusammen genäht waren. Ihr Vorschlag war, sie könne ja drüber häkeln dann würde man es nicht mehr sehen. Worauf hin ich meinte, ob das dann präzise arbeiten ist? Das verneinte sie zwar, aber dennoch wäre das doch eine Lösung. Ich fragte sie dann nach ihrer Richtigkeit, will sie lernen ganz präzise zu arbeiten oder irgendwie passt es schon. Nach einigem Zögern, sagte sie "Nein, sie möchte schon präzise arbeiten". Darauf hin sagte ich zu ihr, sie könne entscheiden was sie nun mit den Pulswärmern macht.

Am nächsten Tag brachte sie die korrigierten Pulswärmer mit strahlendem Gesicht wieder mit.

Feststellen konnten wir, dass sich die Frauen sehr gefreut haben und wieder zu sehen. Es war zu spüren, dass ihr Vertrauen in uns zunimmt und das sich wahrgenommen und wert geschätzt fühlen. Schon wie sie angekommen sind wirkte ihre Stimmung anders, weniger bedrückt, heiterer.

Bei dem Vortrag mit Diskussion, wo ich auch nochmal darüber sprach worum es in dem Projekt geht, was ist der Zweck, kam es zu mehr Verstehen zum Projekt und warum es schwierig sein kann etwas zu lernen, eine Fähigkeit zu erhöhen und warum Fehler passieren.  Es ging auch darum was passiert in einem bei einem Konflikt, wodurch kommt dieser überhaupt zustande. Wieso entsteht dabei Anspannung bis hin zu Kopfschmerzen. Und welche Möglichkeiten hat jede Frau damit umzugehen.

Dabei erzählten die Frauen aus ihrem Leben, was sie sich vorgenommen hatten und haben und wie es ihnen gelang oder eben nicht gelang das Gewünschte zu erreichen und umzusetzen. Wir sprachen darüber wie sie sich dabei fühlten wenn es ihnen gelungen ist und wenn es ihnen nicht gelungen ist. Und welche Gedanken und Gefühle sie dabei hatten. Es war schön zu sehen, wie sie auf ihr Leben schauten und dann Beispiele erzählt haben, wodurch der Unterschied mehr in ihr Bewusstsein kam.

Am Beispiel "Ich rede und gestikuliere und gehe und falle fast über einen Stuhl", und beschimpfe dann den Stuhl "blöder Stuhl" zeigte sich, dass nicht der Stuhl für mein Missgeschick verantwortlich ist, sondern WER? Die Antwort aus dem Publikum war "Natürlich bist du schuld, weil du hast ja nicht aufgepasst" und dabei gab es sehr viel Lachen. 

Durch dieses einfache Beispiel kam Bewegung in ihre Sichtweisen und gewohnten Gedankengänge.

Priorität in dem Projekt hat ihre Hinein Entwickeln in "immer mehr auf eigenen Beinen stehen", an zweiter Stelle ist das Geld verdienen. Weil wenn ersteres zunimmt, nimmt zweiteres automatisch auch zu.

Die Erklärung das wir kein Wirtschaftsunternehmen sind, sondern ein Projekt bei dem die Gesundung im Vordergrund steht, und demzufolge nicht nur das erzeugte Produkt zählt, sondern das bei uns der therapeutische Erfolg zählt hat ihnen eingeleuchtet.

Zu dem Vortrag mit Diskussion möchte ich noch erwähnen das ich die Frauen bewundert habe für ihr Durchhaltevermögen, ihre Aufmerksamkeit und ihre Bereitschaft und Offenheit sich mit dem Gehörten, den neuen Sichtweisen auseinanderzusetzen. Auch die Bereitschaft und ihr Interesse sich mit den Fehlern zu beschäftigen ging mir zu Herzen.  Sie haben die meisten Fehler erkannt und herausgefunden woran es lag. Toll.

Dies ist ein weiteres Zeichen von Gesundung - sich Fehlern zu stellen, sie zu betrachten und in die Verantwortung zu gehen und sich einzugestehen das es an der eigenen Unaufmerksamkeit lag und nicht an irgendwelchen Umständen.

Dieses zu leben, bedeutet den Boden für ihr Vertrauen und das daraus resultierende Wachsen können. Auf einem Boden von Misstrauen kann kein gesundes Wachstum, keine stabile Entwicklung statt finden, weil man sich nicht wirklich aufeinander einlassen kann und mag.

Die Frauen haben wieder Wolle für weitere Strickwaren mit nach Hause genommen, jede soviel sie wollte und für das was sie stricken möchte. Es werden wieder dieselben Produkte hergestellt, zusätzlich gibt es ein neu erlerntes Muster für die Schals.

Die Abschlussrunde hat uns sehr berührt, weil sehr viel Dankbarkeit geäußert wurde für die Wertschätzung ihnen gegenüber, in Form von Ehrlichkeit, Kritik die ihnen hilft, Erinnern an ihre moralischen Werte und unser Zutrauen in sie. Das Gemeinschaftsgefühl (über alle Grenzen) hat zugenommen. Dieses zu erhalten und zu vermehren ist für uns eine menschliche Verpflichtung aus dem Herzen.

Außerdem fand noch ein Besuch bei einem Imam und seiner Frau statt. Beide haben großes Interesse bekundet das in ihrem Dorf und zwei weiteren Orten Strickschulen eröffnet werden. In den zwei Orten gibt es bislang keinerlei Unterstützung und Hilfe für die Frauen seit dem Ende des Krieges.

Denn eines ist klar, egal ob alt oder jung ..., das Gefühl gebraucht zu werden ist für jeden Menschen ein Lebenselixier, für diese Frauen aber ganz besonders.

Es ist ein wunderbares Projekt, wo sich alle Menschen die sich daran beteiligen näher kommen, mehr sich in einer Gemeinschaft fühlen dürfen und verantwortlich füreinander sind und werden (wie jeder kann und mag).

Ich danke Allen sehr, dass sie dieses Projekt unterstützen und durch ihre Spenden diese echte Entwicklung ermöglichen.

Siglinde Anzenberger

Begründerin und Projektleitung


 

 


KONVOI - BERICHT MÄRZ 2015

 

Im März war ich mit einer Freundin für eine Woche in Sarajevo, um den Frauen Strickmodelle zu zeigen, die sie in der Zeit bis zum nächsten Treffen anfertigen können. Für diese Modelle braucht es vor allem die Fähigkeit und Fertigkeit, gleichmäßig zu stricken. Allein für diesen Schritt brauchte es mehr Zeit als ich gedacht habe. Beim Üben kamen schon die ersten Stolpersteine, die es zu überwinden galt. Was wir mit vereinten Kräften geschafft haben.

Mir war der Umstand nicht in der Größenordnung bewusst, wie anstrengend es für die Frauen sein kann, konzentriert bei der Sache zu bleiben. Und wie ungut es ist, einen Fehler zu erkennen, alles wieder zerstören zu müssen und von Neuem damit zu beginnen. Am Anfang war es so, dass die Frauen die Fehler nicht erkennen konnten oder wollten. Am Ende war es so, dass sie selber gesehen und verstanden haben, dass jeder Fehler passiert ist, weil sie mit ihren Gedanken woanders waren. Sie haben in sich die Bereitschaft entwickelt, Fehler zu erkennen und diese zu beheben und nicht mehr darüber hinwegzusehen. Eine Frau sagte am Ende ganz stolz zu mir: „Wenn du wiederkommst, wirst du keinen einzigen Fehler entdecken!“ Was uns auch bewusst wurde: dass jede Frau ihre Pause nehmen muss, so oft und so lange, wie sie das braucht. Ansonsten entsteht ein zu großer Druck auf sie, die Spannung wird zu hoch.

Was uns dabei sehr ergriffen hat, sind der Lernwille und die gegenseitige Unterstützung der Frauen. Und wie sehr sie sich bemüht haben, das Ergebnis, das verlangt wurde, zu erzielen. Am Ende hatten sie es alle geschafft. Und es war zu spüren, wie stolz sie auf sich waren. Mit Recht. 

Siglinde Anzenberger

Begründerin und Projektleitung